Ruta Sepetys: Und in mir der unbesiegbare Sommer

Inhalt:

Litauen, 1941. Es ist ein lauer Sommerabend, als die fünfzehnjährige Lina und ihre Familie von der sowjetischen Geheimpolizei abgeholt werden. Noch ahnen sie nicht, dass man sie - wie Zehntausende andere Balten auch - nach Sibirien deportieren wird. Von einem Tag auf den anderen ist ihr Leben bestimmt von unvorstellbarem menschlichen Leid, von Hunger, Krankheiten und furchtbarer Gewalt. Doch Lina fängt an zu zeichnen, in den Staub, auf jedes kleinste Stück Papier, das sie finden kann. Und sie verliebt sich in Andrius. Lina kämpft um ihr Leben und um das ihrer Familie. Doch wird sie stark genug sein?

Weitere Angaben:

  • Seitenanzahl: (gebunden) 304
  • Verlag: Carlsen
  • zusätzliche Karten auf den ersten Seiten

Meine Meinung:

Ich interessiere mich ziemlich für alles, was in dieser Zeit spielt: Nationalsozialismus, Drittes Reich, all das finde ich spannend, das meiste berührend, so gut wie alles schrecklich. Doch in Büchern über die Zeit des NS-Regimes geht es ja meistens um Deutschland und um die Geschehnisse hier. In dem Buch von Ruta Sepetys rückt die Autorin eine andere Gruppe in den Hintergrund, nämlich die vielen Tausend Menschen, die, nachdem ihre Heimatländer besiegt worden waren, in sibirische Arbeitslager oder Gefängnisse deportiert wurden.

In diesem Buch geht es um Lina Vilkas, ein fünfzehnjähriges Mädchen aus Litauen - eines Sommerabends werden sie, ihr zehnjähriger Bruder Jonas und ihre Mutter von der sowjetischen Geheimpolizei abgeholt und deportiert. Linas Vater ist schon an seinem Arbeitsplatz, der Universität, verhaftet worden.

An diesem Punkt beginnt die Geschichte von Lina und zieht den Leser unwillkürlich mit. Zusammen mit vielen anderen, teilweise Bekannten, werden Lina, Jonas und ihre Mutter in Viehwaggons gezwungen. So viele kleine Details ziehen einen mit, die Mutter mit Neugeborenem, die, noch im Geburtskittel, aus dem Krankenhaus in einen Lastwagen gezerrt wurde, die grimmige Frau mit zwei Töchtern. Und Andrius, von Anfang an Andrius.

Kleine Bruchstücke rufen bei Lina immer wieder Rückblenden hervor: etwa der kleine Junge, der am Daumen nuckelt, oder ein Satz, den sie schon mal gehört hat. Man wird immer wieder in die Zeit vor Linas Deportation zurückgeführt, in die Zeit, als Lina kurz davor war, in einem hohen Kunstkurs aufgenommen zu werden, und als ihr Vater noch geachtet war. Dadurch wird auch klar, warum sie deportiert wurden: Linas Vater hat sich gegen den Kommunismus, Stalin und Hitler geäußert.

Immer weiter begleitet man Lina, Jonas und all die anderen auf ihrer Fahrt von einer Elendsstation zur nächsten. Doch bei all den schrecklichen Dingen verliert Lina nie die Hoffnung, ihren Vater irgendwann wiederzusehen, und als sie sich von Andrius trennen muss, gibt ihr auch die Erinnerung an ihn Kraft. Lina bleibt einfach stark, sie steht aufrecht. Das macht sie zu einem Charakter, der einen sofort einnimmt.

Überhaupt sind die Charaktere in dem Buch sehr sorgfältig gezeichnet; jeder hat seine Geschichte, seine Familie und seine Gründe. All das macht die Geschichte so glaubwürdig, wie sie sein muss, um auch nur ein vages Gefühl von dieser Zeit vermitteln zu können. Doch das hat die Autorin wirklich gut gemacht, man ist die ganze Zeit ganz nah dabei. Jedes Detail ist schmerzhaft minutiös beschrieben und lässt einen in die Kälte, den Hunger und die Trostlosigkeit eintauchen, die Lina und ihre Familie umgeben.

Doch was das Buch endgültig wunderbar macht, ist, dass es nicht nur daraus besteht. Sondern eben auch aus Hoffnung. Und auch ganz am Ende, wenn alles vorbei zu sein scheint, gibt es Licht. Linas Liebe zu Andrius. Einen Sonnenaufgang. In all der Dunkelheit leuchtet irgendetwas.

Deshalb kann ich zu diesem Buch nur sagen, dass ich, obwohl ich mir zugegebenermaßen die Augen ausgeheult habe, glücklich war, als ich es zu Ende gelesen hatte.

Meine Wertung:

★★★★★