Jonas Jonasson: Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand

Eigentlich hat Allan Karlsson allen Grund zum Feiern: Er wird 100 Jahre alt. Das Problem ist nur, dass er im Altersheim festsitzt, noch alle Fünf beisammen hat und sein Körper sich weigert, das Zeitliche zu segnen - und zu allem Überfluss hat sich auch noch der Bürgermeister samt Presse angekündigt. Allan hat auf all das überhaupt keine Lust. Er steigt kurzerhand aus dem Fenster und verschwindet - zum Busbahnhof. Dort soll er nur kurz auf den Koffer eines jungen Mannes aufpassen, doch als sein Bus einfährt, beschließt Allan, den Koffer (der zum Glück Räder hat) mitzunehmen - nicht ahnend, dass sich darin keineswegs die erhoffte Wechselkleidung, sondern 50 Millionen Kronen aus Drogengeschäften befinden. Und mit einem Mal sind nicht nur Polizei und Presse hinter dem Hundertjährigen her, sondern auch die schwedische Mafia. Allan denkt jedoch gar nicht daran, die Millionen zurückzugeben und reumütig ins Altenwohnheim zurückzukehren. Niemals! Das ist der Auftakt zu einer abenteuerlichen Reise: Allan gewinnt durchaus gleichgesinnte Freunde - mit dem 70-jährigen Gelegenheitsdieb Julius lässt er die Leiche des Kofferbesitzers verschwinden, der reiche Imbissbudenbetreiber Benny wird ihr Chauffeur, und auch die Besitzerin eines entlaufenen Elefanten schließ sich ihnen an, will ihre Sonja auf der Flucht aber nicht zurücklassen.

Weitere Angaben:

  • Seitenanzahl: 413 (Taschenbuch)
  • Verlag: Carlsbooks
  • Spiegel-Bestseller

Meine Meinung:

Hauptsächlich habe ich aus Langeweile mit dem Lesen angefangen. Und wegen dem Titel. Ich war, ehrlich gesagt, durch den Titel ziemlich neugierig geworden.

Ein paar Tage später war mir klar, dass ich das lustigste Buch gelesen hatte, das mir bis heute unter die Finger gekommen ist.

Handlungsstrang Nr.1: Allan Karlsson steigt an seinem eigenen 100. Geburtstag, obwohl die Presse, der Stadtrat und das gesamte Altersheim warten, aus dem Fenster und macht sich in Schlappen auf den Weg zum Busbahnhof, aus dem schlichten Grund, dass er im Altersheim vor Langeweile und Nicht-Lebenslust fast versauert. Als ihn ebendort ein junger Mann bittet, seinen Koffer kurz festzuhalten, damit er pinkeln gehen kann, entschließt sich Allan, den Koffer zu klauen - in der Hoffnung auf Wechselklamotten im Koffer, vielleicht sogar ein paar Schuhe, denn er selbst ist ja nach wie vor in Schlappen unterwegs. Also fährt Allan mit dem Bus, trifft am Zielort - der eigentlich gar kein Zielort war, sondern zufällig die letzte Haltestelle, die Allan mit 50 Kronen erreichen konnte - auf den Gelegenheitsdieb Julius, der ihm einen Schnaps spendiert. So weit, so gut. Nur will der Kofferbesitzer seinen Koffer wieder haben, denn darin sind 50 Millionen Kronen. Er findet Allan und Julius, die ihn - mehr durch Zufall - überwältigen und in eine Tiefkühlkammer für Elchfleisch stecken. Ebenfalls mehr durch Zufall finden die beiden am nächsten Morgen den Kofferbesitzer erfroren vor. So wird Allan im reifen Alter von 100 noch in kriminelle Machenschaften verwickelt.

Handlungsstrang Nr.2: Hier wird Allans Lebensgeschichte geschildert. Und die ist mehr als skurril. Allan war Dynamithersteller und sprengte selbst leidenschaftlich gern Sachen in die Luft - keine Menschen, nur Gegenstände. Und diese Leidenschaft befähigt ihn zu einer Weltreise, auf der er wohl alle großen politischen Personen des vergangenen Jahrhunderts kennenlernt. Also liest man atemlos vor Lachen Details über Churchill, General Franco, Mao Tse-tung, Stalin und Albert Einsteins illegitimen kleinen Bruder. Und das sind nur einige von vielen.

 

Die Geschichte ist liebevoll skurril und beiläufig urkomisch. Allan ist hartnäckig, er lässt sich vom Leben und vom Alter nicht unterkriegen, und schon gar nicht von Schwester Alice, der Giftspritze aus dem Altersheim. Bei all seinen verrückten, abgehobenen, unglaublichen Abenteuern wirkt Allan und seine Lebensgeschichte nie unglaubwürdig. Irgendwie hat er es fertig gebracht, in den bisherigen 100 Jahren seines Lebens Weltgeschichte zu schreiben, ohne sich groß darum zu kümmern oder auch nur seinen Namen erwähnt haben zu wollen. Politik, Religion und Ideologie jeder Art sind Allan zuwider, und doch hat er immer und überall Einfluss darauf. Ihn kümmert eigentlich nur, dass er auf irgendeine Art und Weise überlebt, sich nicht groß aus der Ruhe bringen lässt und seinen Schnaps kriegt.

Ein Beispiel: Allan ist Atomphysiker im Selbststudium, dabei Kellner in Los Alamos. Als er dann bei einer Konferenz der Physiker kellnert, gibt er Robert Oppenheimer ahnungslos den entscheidenden Hinweis zum Bau der Atombombe, einfach so. Aber alles passt, theoretisch könnte es so gewesen sein! Das macht das Buch so realistisch und dabei so unglaublich witzig. Selbst lebensbedrohliche Situationen wirken aus Allans lebenserfahrener, nüchterner, wenn auch leicht naiver Sicht komisch.

Alle möglichen lebenden und toten politischen Führungskräfte bedienen sich früher oder später Allans Diensten, sei es wegen der Atombombe oder Entführungen. Doch Allan lässt sich nie festlegen, bleibt politisch undefiniert. Er hat keine Vorurteile, er ist völlig arglos. Das macht ihn sehr liebenswert.

 

Parallel schreitet die Geschichte von Allan, Julius, Imbissbudenbesitzer Benny und der Schönen Frau (Besitzerin eines entlaufenen Elefanten) weiter. Allmählich ermorden sie die Mitglieder der schwedischen kriminellen Bikergang "Never Again" - den Anfang machte der junge Mann im Eisschrank - doch das tun sie nicht absichtlich, sondern all das geschieht zufällig. Aber es sind Morde, also ist ihnen innerhalb kürzester Zeit die schwedische Polizei auf den Fersen, sie müssen die Leichen verschwinden lassen und nebenbei die 50 Millionen spazieren fahren. Außerdem entspinnt sich langsam eine Liebesgeschichte - zwischen Benny und der Schönen Frau.

Alle Charaktere sind liebevoll gezeichnet, jeder Einzige mit seiner eigenen komischen Vergangenheit. Julius war schuld daran, dass einige Hochstrommasten niedergekracht sind, weil er sie einen Meter zu kurz geliefert hatte. Die Schöne Frau - sie besitzt einen Elefanten, hallo?! Benny hat sein Studium jedes Mal kurz vor der letzten Prüfung abgebrochen, weshalb er nun beinahe Tierarzt ist, beinahe Allgemeinarzt, beinahe Architekt, beinahe Ingenieur, beinahe Literaturwissenschaftler und beinahe noch eine ganze Reihe weiterer Berufe.

Wundervoll. Urkomisch. Ein herzerwärmendes, skurriles Buch, doch dabei bleibt es immer glaubwürdig. Das macht seine Komik zu einem großen Teil aus. Uneingeschränkt empfehlenswert!

Meine Wertung:

★★★★★